Designer Stories

Phantasievolles Lichtspieltheater Ingo Maurers poetische Leuchten

 

Ingo MaurerIch brauche einen Ausgangspunkt, auch wenn es nur ein Staubkörnchen ist, oder ein Lichtstrahl.

Tagebuch, Joan MIRO

 

Kaum ein zeitgenössischer Designer hat das Element des provokativen Humors so überzeugend zum Bestandteil seiner Arbeitsweise gemacht wie Ingo Maurer.

Sein Potential im Umgang mit freien Formen und Symbolen, die Auswahl der Materialien und der Innovative Umgang mit dem Thema Leuchten, haben ein Werk gekennzeichnet, das international mit Bewunderung aufgenommen wird.

Mehr als drei Jahrzehnte zeugen von der obsessiven Hinwendung zum Licht. Dabei steht der unverwechselbare Anspruch Maurers im Raum, die Idee, den schöpferischen Impuls und das spielerische Element seiner Leuchten in den Vordergrund zu stellen.

 

Ingo Maurers BulbBereits 1966 mit Entstehen seiner ersten Leuchten, den Beginn der "Bulb-Serie" wird Maurer schlagartig bekannt. Neben den Tischleuchten "Bulb" und "Bulb Clear" entsteht etwa die Bodenleuchte "Giant Bulb Opal". Das gestalterische Grundprinzip all dieser Leuchten ist gleich: Die Leuchten selber sind in der Form überdimensionierter Glühbirnen ausgeführt. Das Wechselspiel zwischen Form und Funktion, zwischen der Leuchte und dem Leuchtmittel selbst, ist mit philosophischem Kalkül angelegt. Der ironische Kniff, die Glühbirne zum gestalterischen Thema der Leuchte selbst zu machen, erweist sich als eindeutiges Statement im Sinne der Pop-art.

Maurer hatte den Alltagswert der Glühbirne auf ein anderes Niveau gehoben, indem er durch die Form auf das Wesen von Licht und Energie selbst verweist. In der detaillierten Betrachtung der umfangreichen Gestaltungsarbeit Maurers, steht das Spiel mit dem Variationsreichtum der Glühbirne immer wieder an.

 

Ingo Maurers PolluxIngo Maurers No Fuss So sind Entwürfe wie "Pollux" (1967) oder die 1969 entworfene Leuchte "No Fuss" in ihrer Leichtigkeit schwerlich zu übertreffen, mit anderen Variationen wie "Thomas Alva Edison" von 1979 gelingt Maurer eine Hommage die sich ohne falsche Pathos zeigt.

 

 

 

 

Humorvoller Eingriff ins Leben


Edisons AlptraumEine Passage aus Maurers kurzem Essay "Edisons Alptraum" ist sowohl für Maurers Humor wie auch für die oft zufällige Ideenfindung seiner Leuchtenthemen aufschlußreich: "... selbst in einer Zeit in der es Dimmer gibt. Ein schönes Dessous über einer Lampe ist in einer bestimmten Situation kaum zu überbieten.
Also, so war es vielleicht: Eine Cotton-Unterhose der Brooks Brothers war der erste Lampenschirm!"



YaYaHo-SystemMaurer kann in Haiti, während einer Sylvesterreise 1980, auf den bewährten Mechanismus der zufälligen Inspiration zurückgreifen. Hier ist es die Straßenbeleuchtung " - einfache, von Haus zu Haus gespannte Drähte führten den Strom, die Lampen wurden ohne Fassung direkt auf den Draht gelötet". Die karge, auf notwendigste Mittel beschränkte Anlage diente als Idee für das 1984 eingeführte YaYaHo-System. Es sind schließlich 276 Teile: Keramik, Glas, Metall, Porzellan und Plastik, die das variable System ausmachen.

Mit YaYaHo ist Maurer eine Befreiung von den Zwängen der konventionellen Lichtführungen gelungen. Die Idee, offene Stromlitzen durch den Raum zu führen, wurde von der Diskussion und Entwicklung der Niedervoltsysteme in den beginnenden 80er Jahren maßgeblich vorangetrieben. Die Reduktion der Voltzahl auf schließlich 12 Volt nahm dem Energiefluß die Gefahr und war zugleich eine Befreiung in Hinsicht auf die Variabilität und Ästhetik des Systems.

Maurers Hybrid bewegt sich zwischen Fronten. Als Lichtsystem ist es im Sinne des Wortes eine Installation, eine Inszenierung des Raumes, in der sich der Ideenreichtum des Nutzers ebenso reflektiert, wie sein individueller Umgang mit dem Licht. In gewisser Weise hat YaYaHo den Habitus des "coolen" von der Straße genommen und als neuen Standard eingeführt. Mit YaYaHo ist Maurer und seinem Team ein unbestrittener Beitrag zur Lichtkultur des 20. Jahrhunderts gelungen.

Tatsächlich ist die Entwicklung YaYaHo für das Lichtdesign ein revolutionärer Einschnitt. Nie zuvor war die Sprache eines Lichtsystems Internationaler, nie zuvor die Anzahl der Plagiate größer. Die Universalität von YaYaHo stellte letztlich auch den wichtigen Schritt im Werk von Maurer dar: vom solitären Leuchtkörper zum Systemgedanken der Lichtbaukasten.



porca miseriaNicht wenige der Leuchten Ingo Maurers sind von geradezu radikaler Präsenz. So formuliert sich in einer 1992 entworfenen Leuchte ein explosionsartiges Stilleben auseinanderdriftender Küchenutensilien. Bereits im Titel der Leuchte "porca miseria" tritt der "joke", die ironische Attitüde offen zutage. Gegen die Misere des durchgestylten Küchenambiente setzt Maurer das Chaos einer universalen Energie, deren Ordnung sich in jedem Sekundenbruchteil ändert. Eine Welt die aus den Fugen ist.

 

Light StructureDen zeitweise opulenten Ausführungen seiner Lichtpoesien setzt Maurer mitunter Konstruktionen entgegen, die an konzeptioneller Nüchternheit kaum zu übertreffen sind. Eine von Maurer und Peter Hamburger in vier Versionen entworfene, ,Light Structure' benannte Leuchte zeugt davon. Unzweifelhaft an Buckminster Fuller inspiriert, wandelt Maurer hier die kühle Form der geometrischen Struktur in ein warm leuchtendes Objekt, ein Vexierbild zwischen Form und Funktion.

 

 

Asiatische Impulse und MaMo Nouchies

Immer wieder begegnen uns asiatische Einflüsse. Das mag mit der Maurer naheliegenden Fragilität asiatischer Materialien, aber auch mit jener hauchzarten Transparenz zu tun haben, auf die sich bereits Isamu Noguchi in der Vielzahl seiner skulpturalen Leuchten bezieht. Sie schließt die Doppeldeutigkeit ein die wir in "Akari" finden, jenem japanischen Wort das zugleich Licht und leicht meint, und das Noguchi als Sammelbegriff für seine Papierleuchten nutzte.

Im gleichen Maße wie Maurers gestalterisches Werk von einer ganzen Armada poetischer und humorvoller Leuchtenentwürfe durchzogen wird, kommt aber auch jene Sensibilität zum tragen, aus der Maurer die Konzentration für seine stillen, mitunter meditativen Gestaltungsansätze zieht.

UchiwasBereits 1973 entwirft er die "Uchiwas" eine Leuchtengruppe aus Bambus und Reispapier, deren Grundform ein Fächer ist. Dieser eher konventionelle Entwurf öffnet Maurer den amerikanischen Kontinent. Zugleich gewinnt die Arbeit mit asiatischen Formen und Materialien an Kontur. Maurers Assoziationen sind vielfältig: Entwürfe wie Tsching, Mattglasleuchtkörper im Formenkanon chinesischer Keramik gehören dazu, aber auch Leuchten, bei denen Maurer sich ganz auf das ästhetische Materialspiel des japanischen Papiers verläßt, etwa bei "Lampampe" aus den beginnenden 80er Jahren. In dem Knitter des Papiers finden wir die Einzigartigkeit jeder Leuchte eingeschrieben.

 

 


Man Ray‘s "Lampshade"WillydillyImmer wieder nimmt er das Thema "Licht und Papier" auf und führt es zu neuen Variationen. Selbst die von vielen Kritikern irrtümlich auf Man Ray‘s "Lampshade" zurückgeführte "Willydilly" ist In Ihrer Basis ein Entwurf, der sowohl die beeindruckende Einfachheit der Idee zur Schau stellt,- das Volumen der Leuchte durch einen einzigen, simplen Handgriff zu verändern, wie auch die verblüffende Schönheit geometrischer Dreidimentionalität Ins Feld führt.

 

 


Maurers Umgang mit dem Papier selbst ist spürbar von der Faszination am Thema geprägt. In seinen letzten Leuchten sucht Maurer erneut die Wandlungsfähigkeit des Papiers. Sie verstehen sich zugleich als tiefgehende Hommage an Isamu Noguchi und seine Akari Lichtskulpturen. Obgleich die Nähe zum gestalterischen Ansatzpunkt Noguchis unübersehbar ist, fallen Materialität und Volumen der Leuchten in eine andere Kategorie.

Isse MiyakesDie Entwürfe Maurers und seiner Mitarbeiterin Dagmar Mombach (MaMo Nouchies) bewegen sich in einer Dichte des Papiers, die an eleganten Plisseestoffe Fortunys erinnern oder die fragilen Kleiderkonstrukte Isse Miyakes. Maurer und Mombach dehnen den Formbegriff: orientieren sich an arabischen, afrikanischen und asiatischen Einflüssen, die den warmen Charakter einbinden. Man kann dem Wesen der MaMo Nouchies eine Dynamik, mitunter eine Ungebändigtheit zusprechen, die in der kraftvollen Faltung des Papiers zum Ausdruck kommt, die sich von den meditativen Formvariationen lsamu Noguchis weit entfernt. Aber genau hier finden wir die Innovation, das Lernen von Noguchi, daß sich in verblüffend schönen Leuchten niederschlägt.

 

 

 

Provozierende Geschöpfe

Don QuixoteBibibibiBibi

Eine Vorstellung von der komödienhaften Leichtigkeit mancher Leuchten spiegelt sich bereits in den einzelnen Benennungen selbst wieder. Auch hier geht von Maurer Signalwirkung aus: Das Reservoir poetischer Wortspiele, das Maurer vor mehr als dreißig Jahren anlegte, um auf die individuelle Gestaltung seiner Leuchten hinzuweisen, wird heute von vielen angezapft.
Oftmals ist die Idee Maurers in einem einzigen Detail präsent! Maurers Leuchte "Don Quixote" steht beispielhaft für dieses Vorgehen. Die hagere Gestalt der Leuchte wird durch einen Leuchtenschirm dominiert, der die literarische Figur im Kern trifft. Biegen, schwenken, drehen und strecken,- die Bewegungsfunktionen der Leuchte, lassen die Figur in stets neue Situationen geraten. Gleichermaßen animiert erscheint "Bibibibi" eine Tischleuchte von 1982. Maurers "Vogel" scheint dem luftigen Inventarium eines Miro Bildes entlehnt zu sein und ist in seiner Entstehungsgeschichte beispielhaft für die Unberechenbarkeit des Design Prozesses: Ursprünglich wollte Maurer sein Auto für einen Hochzeitsbesuch dekorieren. Auf der Suche nach Plastikstörchen stieß er bei Woolworth lediglich auf ein Paar Storchenbeine,- Überreste der bereits ausverkauften Störche. Die Storchenbeine dienten als Basis für jenes fabelhafte, aus Metall, Porzellan und Plastik zusammengesetzte Vogelwesen, das in jeder Hinsicht Maurers Handschrift trägt.

Birds Birds BirdsUnzweifelbar dürfte die Beschäftigung Maurers mit Gino Sarfatti zu einer außergewöhnlichen Leuchte führen. In "Birds Birds Birds" spiegelt sich die Weiterführung einer Idee, zu der Sarfatti 1958 den Grundstein legte. Maurer überführt das strenge Chaos von Sarfattis Kronleuchter in ein eigenständiges Objekt. Zwei Dutzend Niedervoltlampen, die mit Flügeln aus Taubenfedern versehen sind, ergeben den optisch fast surrealen Effekt eines auseinanderstiebenden Vogelpulks.

 

 

 

 

 


One From The HeartIn "One From The Heart" finden wir ein Musterbeispiel für die Ideenfindung und Realisation Maurers. In Titel und Objekt findet sich die Idee gleichermaßen verdichtet. Dabei profitiert Maurer von seiner Fähigkeit, Symbole für seine Themen zu finden. Es gibt nicht wenige Kritiker, die Maurers Design gerade in Bezug auf Schöpfungen wie "BIBIBI" oder "One From The Heart" gestalterische Platitüde attestiert haben.

Daß der direkten zeichenhaften Sprache seiner Objekte dabei eine völlig eigenständige, innovative Qualität innewohnt, wird nur zu oft übersehen. Die Gestaltung der Leuchte mit dem fragilen Kunststoffherz basiert auf einer prägnanten Symbolsprache, wie sie von den Disney Studios nicht besser hätte inszeniert werden können.
Es ist keine Übertreibung davon zu reden, daß von Maurers Lichtspielen vielfältige Impulse ausgehen. Den Begriff der Gleichgültigkeit, hat Maurer dabei mit Kalkül gemieden. Das geglückte und humorvolle Spiel mit den provokativen Lichtgeschöpfen Maurers, ist immer auch ein Spiel, bei dem Einsichten über das Wesen und Wirkung der Dinge auf dem Gewinnplan stehen.

 

Hans lrrek, Oktober 1998

 

 

The Museum of Modern Art

The Museum of Modern Art

Ausstellung des Werkes von INGO MAURER

vom 27. November 1998 - 19. Januar 1999