Designer Stories

Mythos Castiglioni

Die Illumination der Welt

Es ist kein Zufall, daß Achille Castiglioni die Gunst der Stunde gehört. Der Rückblick auf das ebenso umfangreiche, wie innovative Lebenswerk Castiglionis zeigt sich als intensive und arbeitsreiche Biographie eines Mannes, dessen Selbstverständnis stets davon profitierte, Ideen und Konzepte unabhängig und ohne Auflagen realisieren zu können.

Ohne Zweifel darf man Achille Castiglioni zu den wenigen, maßgeblichen Gestaltern dieses Jahrhunderts zählen. Sein Einfluß auf die Gestaltung des Lichts im 20. Jahrhundert ist von substantieller Natur, und wesentliche Kapitel einer Geschichte des modernen Designs hätten ohne seine Entwürfe an spannenden und erhellenden Momenten verloren.

Von der eigentümlichen Faszination des Lichts auf Castiglioni erfahren wir am meisten in seinen Entwürfen. Seit Beginn der sechziger Jahre haben Achille und Pier Giacomo Castiglioni mit dem Mailänder Leuchtenproduzent FLOS kontinuierlich an einem Programm gearbeitet, das den vielfältigen Qualitäten künstlichen Lichts gerecht wird. Seitens der Castiglioni Brüder wurde stets ein besonderes Bewußtsein über das elektrische Licht proklamiert und der künstliche Charakter der Leuchten als 'Lichtwerkzeuge' hervorgehoben, deren ästhetische Form als Nebeneffekt einer klar kalkulierten Nutzbarkeit erscheint. Auf diese Weise ist es den Castiglioni Brüdern gelungen, sich schon früh mit den wesentlichen Fragen über Erscheinung und Wirkung des Lichts auseinanderzusetzen. Dazu gehörte, wie Achille Castiglioni mehrfach betonte, auch die Einsicht, daß künstliche Illumination niemals die, von Geographie, Saison und Tageszeit abhängigen Qualitäten eines spezifisch natürlichen Lichts ersetzen könne.

Schon früh, mit 26 Jahren, tritt der 1918 geborene Achille Castiglioni in das Studio seiner Brüder Livio und Pier Giacomo ein. Architektur, Ausstellungs- und Objektgestaltungen sind der Aufgabenbereich des familiären Trios, das in dieser Form bis 1952 besteht. Nachdem sich Castiglionis Bruder Livio selbstständig macht, arbeitet Achille Castiglioni bis zum Tode Pier Giacomos im Jahre 1968 mit diesem gemeinsam an fast allen Projekten.

Eine der vielen Facetten Castiglionis ist die des Anregers. Nicht ohne Grund gehört er seit 1947 zum Organisationskomitee der Mailänder Triennale und ist auch unter den Gründern der Association of Industrial Design. Aus all dem ist ersichtlich, daß Castiglioni zum "Urgestein" der italienischen Designbewegung gehört. Gemeinsam mit Alessandro Mendini, Ettore Sottsass oder Richard Sapper zählt er zu den Wegbereitern, die eine 'Designmetropole' Italien erst möglich gemacht haben.

Castiglioni Tubino

Castiglioni Tubino

Zu den ersten aufsehenerregenden Entwürfen gehört eine Tischleuchte, die 1951 auf der Mailänder Triennale präsentiert wird. Schon ein Blick auf die Leuchte erklärt warum Castiglioni den Namen "Tubino" wählte.

 

 

 

Inszenierung des Pavillons: Mailand 1956Auch der anläßlich der Mailänder Messe 1956 gestaltete der italienischen Sendeanstalt RAI durchbricht das konventionell Gewohnte. Die Inszenierung des Pavillons stellt in gewisser Weise eine Vorwegnahme des 'dekonstruktivistischen' Formenkanons dar, wie er uns später in der Architektur von Frank Gehrys oder Zaha Hadid begegnet. Der bizarren Verkettung aus Konstruktions- und Lichtelementen, von Texttafeln und graphischen Elementen, die sich wie eine gigantische Molekülkette durch den zweistöckig angelegten Pavillon zieht, fehlt es nicht an überraschenden Facetten. Licht ist hier bereits ein zentrales und wohlkalkuliertes Medium, das der Inszenierung des Pavillons zu nachhaltiger Wirkung verhilft.



Spalter StaubsaugerAus dem gleichen Jahr stammt auch eine der viel zitierten 'lkonen' des Designs der fünfziger Jahre: Der Spalter Staubsauger. Die Überlegung der Brüder Castiglioni drehten sich hier darum, den Staubsauger von seiner Bodengebundenheit zu befreien. Resultat war ein schlanker, in Form gebrachter Gerätekorpus, der zudem an einem robusten Lederband über der Schulter zu tragen war. Für lange Jahre waren Form und funktionsgerechte Bedienung des Geräts international vorbildlich.

 

 

 

Mailänder Brasserie Splügen-Bräu

Mailänder Brasserie Splügen-BräuMit Beginn der sechziger Jahre verhilft das Interieur der Mailänder Brasserie Splügen-Bräu den Castiglioni Brüdern zu großer Popularität. Der 1962 vergebene Auftrag umfaßte die komplette Ausstattung des Restaurants, wobei die Castiglioni neben der, auf Kommunikation ausgerichteten Gestaltung der Sitzplätze auch für die Beleuchtungssituation verantwortlich zeichneten. Diesem Auftrag war zunächst die Gestaltung einer Bierzapfanlage für Splügen Bräu vorausgegangen, dann 1961 der Entwurf einer Leuchte 'Splügen Bräu' gefolgt, die schließlich als dominantes Signum einer modernen Gastronomie, in vielfachen Exemplaren in der Brassierie installiert wurde.

 

RelemmeÜberhaupt: der Beginn der sechziger Jahre bedeutete für die Castiglioni Brüder eine überaus intensive Arbeitsperiode. Gleich zu Beginn der erfolgreichen und bis heute andauernden Zusammenarbeit mit Flos, setzten die Castiglioni mit der Entwicklung der 'Relemme' den Standard im Bereich der Hängeleuchten. Es ist hier gerade der simple und reduziert schmucklose Umriß, der auf die Beleuchtungsqualität verweist. Die Hängeleuchte besteht aus einem lackierten Metallschirm, der das Licht reflektiert. Durch ein Gegengewicht läßt sich die Höhe und somit der Lichtkegel verstellen. Eine geradezu spartanische Ausrüstung, bei der die Funktionsabsicht zugleich die Form bestimmt.



RAI PavillonZu den arbeitsintensivsten Erfahrungen jener Jahre gehört die Einrichtung der RAI Pavillons in den sechziger Jahren. Facettenreich verstehen es die Castiglioni hier durch für damalige Verhältnisse virtuose Licht- und Bildregien die jeweiligen Themen umzusetzen. Dominantes Thema jener Tage war die damals jungfräuliche Medieninstitution Fernsehen. Man ließ die Besucherströme durch aufwendige Multimedia Szenerien wandeln, deren Decken von überdimensionalen Idolen einer neuen Zeit bevölkert wurden. 1968 gar inszenierte man den Pavillon als spannungsreichen, dunklen Raum, in dem die Besucher sich zwischen den optischen Effekten rotierender Scheiben bewegten, die mit Nachrichten und graphischen Effekten versehen waren. Eine von direkter Neugier und Experimentierlust geprägter Umgang mit Situationen und Gegenständen zeigt sich hier, der auf einfallsreiche Weise die Kommunikationsschlacht um die Gunst eines breiten Publikums zu gewinnen imstande ist.

Castiglionis InszenierungenMeist finden wir Castiglionis Inszenierungen und Ausstellungen immer auch 'bühnenbildartig' in Szene gesetzt. Es dokumentiert sich hier der Hang zur Gestaltung eines Lebensumfeldes, das sich sozusagen aus einzelnen gestalteten Gegenständen zusammensetzt, die hier miteinander in Beziehung gebracht werden. Berühmt dafür ist die Präsentation der Castiglioni, die 1957 in der Villa Olmo in Como stattgefunden hat. Hier reagieren die Brüder auf das Thema 'Farbe und Form im Haus von Heute' mit einem vital durchgestaltetem Musterzimmer. Kaum ein Gegenstand, der nicht aus der Hand der Castiglioni stammt. Angereichert ist das produktive Durcheinander der Gegenstände mit anonym gestalteten Gegenständen, deren Qualität man für unschlagbar funktional und nicht mehr zu verbessern hält. Es mag heute verwundern, in welchem Maße das damalige Denken von Mobilität und Medien geradezu motiviert wurde. Eine schematische Liste der Einrichtungsgegenstände der 'Villa Olmo' führt beispielsweise portable Radiotelephone oder einen deckenhängenden Fernseher vor. Die Zukunftsvision der Castiglioni ist jedoch von einem humoristisch- gemütlichen Unterton geprägt, der sich im subtilen Neben- und Miteinander von Mineralwasserflasche und Telefon, von Klappstuhl und Plastikpistole äußert und Züge der italienischen Mentalität anklängen läßt.

Inszenierungen dieser Art kennt man aus Florenz, Wien oder Tokyo. Stets sind dabei überraschend Einsichten über die Gegenstände und ihr Eigenleben im Spiel. Wie nur wenige Gestalter sonst, hat Achille Castiglioni dieses Kapital dazu genutzt um unseren Blick auf die uns umgebende Welt zu schärfen.


Die Objekte Castiglionis

Befreite Energien


Stehleuchte 'Luminator'Wohl nichts ist imstande uns einen besseren Einblick in das Lebenswerk dieses Mannes zu gewähren, als die Gestaltung des Lichts. Die Faszination an der Arbeit mit dem Medium Licht hat Achille Castiglioni zeitlebens gefesselt. Bereits in den Anfängen und Entwürfen mit seinem Bruder Pier Giacomo wird diese gemeinsame Obsession deutlich. In der 1954 entstandenen Stehleuchte 'Luminator' zeigt sich sowohl der bahnbrechende und an der Funktion orientierte Minimalismus der Castiglioni im ganzen Umfang. Die Idee, einer puren, auf die Beleuchtungsfunktion ausgerichteten Leuchte, stammt aus dem Jahr 1936. Castiglionis Landsmann Pietro Chiesa präsentierte damals den Prototypen einer, sich nach oben trichterförmig öffnenden Leuchte mit gleichem Namen, dessen Idee von den Castiglioni- Brüdern aufgenommen und produktionsreif vollendet wurde. In ihrer stringenten Einheit von Formgebung und Funktion erscheint die deckenstrahlende Leuchte als eine, der Zeit vorweggenommene Form, deren schlanker Korpus aus emailliertem Stahlrohr in seiner raketenhaften Erscheinung auch die Faszination im Umgang mit technischen Details erkennen läßt.

Tischleuchte "Taccia"Zu den Epoche machenden Leuchtenentwürfen der Castiglioni Brüder gehört auch die Taccia, eine erstmals 1962 produzierte Tischleuchte, in deren Konstruktion gleich verschiedene Ideen anklingen. Castiglioni benutzte hier ein System von Komponenten unterschiedlichster Herkunft und fügte sie in einer harmonisch-funktionalen Einheit zusammen. Daß die Form für damalige Verhältnisse eine absolute Novität darstellte, wird aus dem Aufbau deutlich: Die Basis bildet ein gerippter Metallzylinder, zu dem Castiglioni die Form eines Gaskochers inspiriert haben soll. Darauf aufliegend finden wir als Diffusor eine umgestülpte Glasglocke, die von einem tellerartigen Reflektor abgedeckt wird, der in früheren Versionen aus Metallblech war und heute aus Kunststoff gefertigt wird. Da der Diffusor flexibel auf dem Metallzylinder aufliegt, ist es möglich, die indirekte Lichtquelle beliebig auf den Raum auszurichten. Auch hier gibt es die stille Übereinkunft von Gestaltung und Gebrauch. Der betonte 'High Tech' Look der Leuchte läßt dabei keinen Zweifel an einem kraftvollen Einsatz des Lichts aufkommen.



ParentesiIn die Reihe der außergewöhnlichen Entwürfe gehört auch die vielleicht filigranste Leuchte aus der Hand Castiglionis, hier in Zusammenarbeit mit Pio Manzu entstanden, die 'Parentesi' von 1970. Es handelt sich um eine Konstruktion, die puristischer nicht hätte ausfallen können. Zwischen Decke und Boden verspannt finden wir ein dünnes Seil aus Stahldraht. Ein dünnes, leicht gebogenes Stahlrohr fungiert als Klammer an der der Leuchtenkopf, beliebig verstellbar, entlang des Stahlseils geführt wird und direktes Licht abstrahlt. Kaum eine andere Leuchte demonstriert prägnanter die Umsetzung des Funktionalismus der 20er Jahre in eine zeitadäquate Form, als dieser Entwurf.



In Castiglionis Leuchten wird nicht nur eine elementare und außergewöhnliche Begabung für die Gestaltung des Lichts sichtbar. Eine Formsprache, wie sie etwa in der AOY (1975) oder der Stylos (1984) zutage tritt, stellt zugleich eine auf die Möglichkeiten der Zukunft gerichtete Vision dar. Während die AOY ihre, für Tischleuchten ungewöhnliche, formale Wirkung aus den gegensätzlichen Eigenschaften von Kristall und Opalglas zieht, erscheint die Stylos wie eine Säule vertikal gebündelten Lichts. In beiden Fällen antizipiert Castiglioni in Form und Lichtgebung eine Richtung, die erst Mitte der 90er Jahre durch die Serie der 'Metamorfosi' von Artemide einen neuen Entwicklungsschub in die Lichtlandschaft bringt. Lichtregie ist das Stichwort für diese Tendenz, bei der die zumeist technische Eleganz des Leuchtendesigns von den gewählten Beleuchtungseffekten dominiert wird.

Im Umgang mit der Form ist Castiglioni zunehmend rationaler geworden. Als Formgeber sieht er seine Aufgabe zunächst darin, dem Licht einen Raum zu schaffen und die Befindlichkeit des Nutzers positiv zu beeinflussen. Das setzt zurückgenommene, einfache Formen voraus, die nach Castiglionis eigenen Worten 'beinahe nicht existieren'. Mit seiner Leuchte 'Brera' präsentiert Flos 1992 eine Leuchte von verblüffender Zurückgenommenheit. Der inspirative Moment zu dieser Leuchte läßt sich gewissermaßen in einem Gemälde Piero de la Francescas finden, das sich in der Sammlung der Mailänder Brera befindet. Castiglioni hat sich hier kurzerhand dazu anregen lassen, die zugleich vollkommene wie auch einfache Form des Ei's zur Grundlage einer variationsreichen Leuchte werden zu lassen. Die Brera ist zugleich richtungsweisend für die variable Anwendung einer Grundform, die frei auf den architektonischen Raum anwendbar ist. Wand, Steh, Tisch und Deckenleuchte liegt die gleiche schlichte Basisform eines, am oberen Rand um wenige Zentimeter unterbrochenen Eies aus mundgeblasenem weißem Glas zugrunde. Die Unterbrechung der Eiform gilt zunächst dem freien Zugriff auf die Leuchtenfassung, läßt jedoch auch die Erscheinung der Form in unbeleuchtetem Zustand an Spannungsreichtum gewinnen.

Castiglioni läßt uns das Licht als befreite Energie erleben, die unser Leben bereichert. Zielgerichtet ist es die Aufgabe der Form, dieser Energie den Weg zu bahnen, dem Licht zur größtmöglicher Intensität und Wirkung zu verhelfen.

 

AOYStylos In Castiglionis Leuchten wird nicht nur eine elementare und außergewöhnliche Begabung für die Gestaltung des Lichts sichtbar. Eine Formsprache, wie sie etwa in der AOY (1975) oder der Stylos (1984) zutage tritt, stellt zugleich eine auf die Möglichkeiten der Zukunft gerichtete Vision dar. Während die AOY ihre, für Tischleuchten ungewöhnliche, formale Wirkung aus den gegensätzlichen Eigenschaften von Kristall und Opalglas zieht, erscheint die Stylos wie eine Säule vertikal gebündelten Lichts. In beiden Fällen antizipiert Castiglioni in Form und Lichtgebung eine Richtung, die erst Mitte der 90er Jahre durch die Serie der 'Metamorfosi' von Artemide einen neuen Entwicklungsschub in die Lichtlandschaft bringt. Lichtregie ist das Stichwort für diese Tendenz, bei der die zumeist technische Eleganz des Leuchtendesigns von den gewählten Beleuchtungseffekten dominiert wird.

 

BreraIm Umgang mit der Form ist Castiglioni zunehmend rationaler geworden. Als Formgeber sieht er seine Aufgabe zunächst darin, dem Licht einen Raum zu schaffen und die Befindlichkeit des Nutzers positiv zu beeinflussen. Das setzt zurückgenommene, einfache Formen voraus, die nach Castiglionis eigenen Worten 'beinahe nicht existieren'. Mit seiner Leuchte 'Brera' präsentiert Flos 1992 eine Leuchte von verblüffender Zurückgenommenheit. Der inspirative Moment zu dieser Leuchte läßt sich gewissermaßen in einem Gemälde Piero de la Francescas finden, das sich in der Sammlung der Mailänder Brera befindet. Castiglioni hat sich hier kurzerhand dazu anregen lassen, die zugleich vollkommene wie auch einfache Form des Ei's zur Grundlage einer variationsreichen Leuchte werden zu lassen. Die Brera ist zugleich richtungsweisend für die variable Anwendung einer Grundform, die frei auf den architektonischen Raum anwendbar ist. Wand, Steh, Tisch und Deckenleuchte liegt die gleiche schlichte Basisform eines, am oberen Rand um wenige Zentimeter unterbrochenen Eies aus mundgeblasenem weißem Glas zugrunde. Die Unterbrechung der Eiform gilt zunächst dem freien Zugriff auf die Leuchtenfassung, läßt jedoch auch die Erscheinung der Form in unbeleuchtetem Zustand an Spannungsreichtum gewinnen.

Castiglioni läßt uns das Licht als befreite Energie erleben, die unser Leben bereichert. Zielgerichtet ist es die Aufgabe der Form, dieser Energie den Weg zu bahnen, dem Licht zur größtmöglicher Intensität und Wirkung zu verhelfen.

 

2. Teil: Stierkopf und Traktorsitz >>
Die Entdeckung des Nichts, internationalen Sammlungen, Literatur